Man stelle sich einmal vor, ein Bekannter kommt auf einen zu und legt einem eine tolle neue EP ans Herz.Sie heiße ‘Brandung’ und stamme von einer Band namens ‘Wassermanns Fiebertraum’. Man würde diesem Bekannten vermutlich gegebenenfalls sagen, man stehe nicht so sehr auf Pirate-Metal oder deutschen Folkpop mit Seemannsthematik – ausser natürlich, man steht eben doch auf Pirate- Metal oder deutschen Folkpop mit Seemannsthematik.
Dieser Bekannte würde dann aber sagen, man solle sich das ganze doch mal anhören, man wäre vermutlich überrascht. Ein erster Blick auf die Tracklist zumindest überrascht einen jedoch nicht wirklich – ‘Jetzt oder nie’, ‘Herzdämmerung’ und ‘Flackerndes Sonnenlicht’ lassen in Kombination mit dem Bandnamen schon fast Texte über Meeres- ungeheuer, Kaperfahrten, verlorene Liebe, das rauhe Leben auf See und viel Bier im Ohr erklingen. Aber weit gefehlt. Der Bekannte sollte nämlich recht behalten: Es gefällt. Und zwar sehr. Denn schon nach dem ersten Hören wird klar: Hier gibt’s keine Texte über glorreiche Seeräuber, auch keine über versunkene Schätze, auch keine über Bier, sondern schlichtweg garkeine Texte.
Die letzte Hausarbeit ist abgegeben, bis ich die nächste (Bachelor-)Arbeit, die es erfolgreich zu verdrängen gilt, zu schreiben dauert’s noch ein wenig, also ist der perfekte Zeit vertreibt wohl gerade, wieder mal ein wenig darüber zu schreiben, wie ich die letzte Arbeit erfolgreich verdrängt habe.
Der Stand des letzten Artikels war wie folgt: der Body hatte nun schon seine vorerst endgültige (hähä.) Form bekommen, ich hatte schon ein wenig an den Konturen und den restlichen Ausschnitten gearbeitet. Der nächste logische Schritt war dementsprechend, die Halstasche auszufräsen, damit ich die restlichen Fräsungen – vor allem Pickups und Bridge – entsprechend optimal positionieren kann. Das ist letztendlich für die Position der Brücke wichtig, um eine optimale Oktavreinheit zu gewährleisten. Ohne mich selbst loben zu wollen – mein Stimmgerät sagt mir, dass ich die Brücke auf Anhieb direkt optimal positioniert hatte. So ein Erfolgserlebnis ist doch auch mal was!
Nach einem kurzen Intro zeigt Startnummer 2 auf dem Album, ‘Solar Wind’ ersteinmal, in welche Richtung das ganze Werk gehen will – Postrock melodischer Natur, aber eben nicht analog mit Gitarre, Schlagzeug, Bass, sondern eben digital, aus dem Sequencer und mit Synthesizern. Ob da nun die postrocktypische Leadgitarre ‘echt’ ist oder auch aus dem Rechner stammt, ist schwer auszumachen und auch unerheblich.
Das Gesamtpaket klingt hier auch anfangs gar nicht so verkehrt, wenn auch ein bisschen zu verhallt und dadurch zu distanziert und künstlich. ‘Solar Wind’ klingt zeitweise sogar relativ sphärisch und eindrucksvoll – wenn Bands wie Maybeshewill oder Atlantis ihre Songs auf ausgedehnte Synthesizerpassagen stützen und mit verzerrten Drum’n’Bass-Versatzstücken um sich werfen können, warum dann auch nicht diese Band aus Russland – nur dann eben nicht als Interlude oder Gimmick, sondern als integraler Bestandteil des Bandsounds?
Den Beginn macht ein Stück namens ‘The Aftermath (of this unfortunate event)’, setzt direkt dort an, beginnt es doch textlich melancholisch, selbstreflektiv, um dann aber durchaus auf einmal emotional und beinahe laut zu werden, instrumental durchaus ein Ausrufezeichen schon an den Anfang der Platte setzend. Der Regen tropft ein wenig stärker auf die Scheiben der Haltestelle, aber es kommt auch ein wenig mehr Bewegung in die Szene, Ampelphasen wechseln. Irgendwie immer noch der passende Soundtrack.
Lange dauert es wahrlich nicht, bis der Hörer weiß, was er sich mit pg.losts Album ‘Key’ ins Haus und den Plattenschrank geholt hat – schon der Opener ‘Spirits Stampede’ steigt nach einem kurzen Intro in medias res ein und bietet luftigen, modernen Post-Rock. Hier wird nicht lange gefackelt und der Hörer in Zweifel gelassen, ob es sich um eins der vielen genretypischen Experimente handelt, dafür gibt’s wie eh und je süß klimpernde Gitarren, abgelöst von härteren Riffs, die sich gemeinsam erwartungsgemäß in postrocktypischen Wohlklang auflösen.